Der perfekte Trainer

Ist es nicht erstaunlich, dass in einem fußballbegeisterten Land mit 80 Millionen Einwohnern immer dieselben 30-40 Trainer hin- und hergereicht werden? Noch eben bei dem einen Verein aufgrund von Erfolgslosigkeit rausgeschmissen – wenige Tage später beim Konkurrenten als Heilsbringer vorgestellt. Dieser Vorgang ist ebenso verrückt wie gewöhnlich. Und dabei sucht doch jeder nach dem perfekten Trainer.

Aber wo ist er, der perfekte Trainer? Was braucht er? Was bringt er mit? Was ist die geheime Zauberformel? Welche Zutaten brauche ich als Verein, um mir den perfekten Trainer zu backen?

Schließlich gibt es da ja die ein oder andere Kombination, wo eine perfekte Mischung sofort sichtbar ist. Dortmund und Jürgen Klopp. Freiburg und Christian Streich. Passt wie Arsch auf Eimer.

Dort sind Trainer und Mannschaft eine Einheit. Nicht weil sie in das in jedem Interview beschwören. Eher im Gegenteil. Sie müssen es gar nicht beschwören – man sieht es.

Ich mache mich auf die Suche nach der Rezeptmischung für den perfekten Trainer – und stelle zunächst ein paar grundsätzliche Rahmenbedingungen fest:

1. Es gibt nicht den universell perfekten Trainer, sondern nur den perfekten Trainer am richtigen Ort.

Ein Jürgen Klopp ist perfekt für den BVB, wäre es vermutlich aber nicht für den VFL Wolfsburg. Ein Christian Streich passt perfekt zum SC Freiburg, aber nicht zum FC Augsburg. Felix Magath beim VFL Wolfsburg? Passte. Felix Magath beim BVB? Ginge gar nicht.

Jeder Verein hat seinen eigenen kulturellen Kosmos, der schwierig zu erklären ist – aber existiert. Werte, die ein Verein verkörpert und die ein Trainer eben mitbringen – bzw. auf irgendeine Art und Weise spiegeln und verkörpern muss. Das ist die grundsätzliche Rahmenbedingung und somit auch die erste Feststellung: Es gibt nicht den perfekten Trainer, sondern nur den perfekten Trainer am richtigen Ort. Dasselbe gilt aber auch für die Zeit, was uns zu Punkt 2 führt.

2. Es gibt nicht den universell perfekten Trainer, sondern nur den perfekten Trainer zur richtigen Zeit.

Der perfekte Trainer ist ein anderer als er es noch vor 20 Jahren war. Das Verhältnis zur Autorität hat sich gewandelt. Spieler wollen mitsprechen, wollen verstehen, hinterfragen: Entscheidungen und Inhalte. Es macht den Anschein, dass ein Trainer heute eine weitaus komplexere Aufgabe zu bewältigen hat. Er muss Motivator, Kumpel und Schleifer zugleich sein.

Die Spieler dieser Ära entstammen einer anderen Generation. Sie folgen nicht mehr blind, sondern wollen wissen, warum sie folgen sollen. Junge Spieler sind weitaus selbstreflektierter als es den Anschein hat. Um sie zu begeistern, braucht es dementsprechend einen Trainer, der ein Gespür dafür hat. Empathie für die Bedürfnisse und Motive der einzelnen Spieler. Eine Form von emotionaler Intelligenz. Ein Jürgen Klopp scheint es zu haben, wenn man sich die Worte von Nuri Sahin zu Gemüte führt:

„Er ist wichtig für meine Karriere, aber auch für mein Leben. Jürgen Klopp hat ein Herz, er kann zuhören, weiß, wie er wen anpacken muss. Er hat eine unglaubliche Menschenkenntnis. Er sieht immer ein Licht am Ende des Tunnels, startet jeden Tag mit einem Lächeln im Gesicht. Ich bin glücklich, mit ihm zusammenarbeiten zu können.“

Begeistern und mitnehmen – das ist etwas, was ein Jürgen Klopp wie vielleicht kein anderer schafft. Und das – so lese ich es zumindest zwischen den Zeilen – war keine Kernkompetenz von Franco Foda.

Sagt er in einem Interview nach einer Entlassung doch folgendes:

Die einen können gut mit dem Trainer, die anderen weniger gut.“ 

Das ist eine Aussage, die ziemlich viel Einsicht gewährt. Wie kann ein Trainer – eine Führungsperson – so einen Zustand akzeptieren? Noch viel schlimmer: Er zieht das Verhältnis auf eine persönliche Ebene hinunter. Er versucht nicht einmal, Distanzen aus dem Weg zu räumen, sondern begründet es sich mit einer naturgegebenen Abneigung – und gibt zugleich darüber Aufschluss, dass der Nasenfaktor für ihn eine Rolle spielt. Kurioserweise ist genau das ein Punkt, den Fans und wohl auch Spieler häufig an ihm bemängelt haben: Er setzt auf seine Lieblinge. Mit dieser Aussage hat er sich entlarvt.

Der Trainer führt

Ein Trainer ist ja im Grunde nichts anderes als eine Führungsperson. Und da gibt es ebenso gute wie auch schlechte. Das gilt für den Fußball ebenso wie für Wirtschaft, Politik & Co.

Schleifer, Kumpeltyp, Stratege – es gibt nicht den richtigen Führungsstil. Sie müssen es nur schaffen, das übergeordnete Ziel zu erreichen: Die Menschen hinter einer Idee zu versammeln, sie heiß zu machen. Sie dazu zu bringen, zuzuhören und das Gesagte auch umzusetzen. Zu verstehen, zu folgen, mit Feuer bei der Sache zu sein.

Und sicher haben Angestellte in der Wirtschaft oder Spieler in einem Verein auch die Pflicht und die Eigenmotivation das beste aus ihren Möglichkeiten zu machen – doch ist es nicht anders wie in der Tierwelt:

Es braucht einen Rudelführer. Jemand, der die Richtung zeigt. Jemand, der vorgibt, wie der Kontrahent – sei es die Gazelle oder die gegnerische Mannschaft – zu erlegen ist. Schließlich durstet das Rudel nach Fleisch – bzw. 3 Punkten.

Und ein Trainer muss noch so viel mehr…

  • Ein guter Trainer muss verhaltensflexibel sein. Kurzfristig, wie auch langfristig. 90 Minuten und saisonübergreifend. Den Mut haben, einmal getroffene Entscheidungen durchzuziehen – oder den Mut, einmal getroffene Entscheidungen rückgängig zu machen, weil es die falsche war.
  • Ein guter Trainer muss ein Vigilant Leader sein: Ein Lenker, der intensiv wahrnimmt, aufmerksam reagiert und bereit ist, auf Basis weniger Informationen riskante Schritte zu wagen.
  • Ein guter Trainer muss eine Haltung haben – so wie es jede Führungsperson hat: Rückgrat – wie im Volksmund so schön gesagt wird. Nicht nur nach dem Mund reden, sondern Stellung beziehen – und dazu stehen.
  • Ein guter Trainer muss kritikfähig sein: Der Job bringt es mit sich, dass man kritisiert wird. Kritik anzunehmen, Handlungen zu überdenken, Fehler einzugestehen, aus ihnen zu lernen: Das macht eine Führungsperson und einen guten Trainer aus.
  • Einer Trainer muss authentisch sein: Man spürt es, aber es ist schwierig zu beschreiben. Ein Christian Streich ist es, ein Jürgen Klopp ist es, ein Thomas Müller ist. Das sind die Menschen, denen Fehler verziehen werden. Franco Foda, der oft den Beinamen „Schönfärber“ zugesprochen bekam, wirkte zumindest auf mich nie authentisch.
  • Ein guter Trainer muss kompetent sein: Fachkompetent, Selbstkompetent und Unterrichtskompetent. Zu begeistern ist wichtig, doch muss die Energie auch in die richtigen Bahnen gelenkt werden: Taktik, Aufstellung, Spielformen, der gute alte Matchplan und alles was vor und nach den 90 Minuten die Spieler dazu befähigt, 100% Leistung auch körperlich und geistig abrufen zu können.
  • Ein guter Trainer muss die richtigen Werte verkörpern: Oft wird von Stallgeruch gesprochen: Kenntnis über das Umfeld, den Verein und Eigenarten der Region. Was Stallgeruch aber eigentlich implizit meint, ist die Übereinstimmung der Werte der Person mit den Werten des Vereins. Dafür muss man nicht zwingend 100 Meter vom Stadion entfernt geboren worden sein und auch nicht für den FCK gespielt haben. Es ist dieses gewisse etwas, das Verbindung schafft. Eine Grundvoraussetzung, um eine Einheit zwischen Trainer, Spielern und Fans zu schaffen.
  • Ein guter Trainer muss einen anderen Nachnamen als Matthäus tragen. Im Ernst. Wenn Lothar kommt, bin ich raus.
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4 thoughts on “Der perfekte Trainer

  1. Pingback: #Link11: Auf der Schafsinsel fast an den Zuckerhut | Fokus Fussball

  2. Lothar sollte eine Chance bekommen!
    Auf dem Platz war er seinerzeit der beste auf der Welt und auch als Kommentator fällt er bei neutraler Betrachtung als einer der wenigen auf, der echte Ahnung hat.
    Und dass er es als Trainer drauf hat, das hat ihm sogar der große Franz Beckenbauer allen ernstes beschieden.
    Dass er in den Medien schlecht wegkommt, das hat er sich allerdings selbst zuzuschreiben. Mit seinen auch von ihm selbst gerne in der Öffentlichkeit ausgetragenen Weibergeschichten hat er seinen Ruf ruiniert – möglicherweise für immer!
    Aber das eine sollte mit dem anderen nichts zu tun haben!

    • Ohje, auf so einen Kommentar habe ich ja gewartet ;)
      Ich versuche es trotzdem sachlich: Ich bin vollkommen anderer Meinung.

      Erstens sind die fußballerischen Fähigkeiten in keinen Zusammenhang mit den Fähigkeiten als Trainer zu setzen. Vielleicht ist es sogar gefährlich ein guter Spieler gewesen zu sein. Dementsprechend schnell wird geschlussfolgert, dass man auch die notwendigen Qualitäten für einen Trainerjob besitzt. Das eine hat nix mit dem anderen zu tun. Die besten Trainer sind selten auch die besten Spieler gewesen – und umgekehrt.

      Zweitens gebe ich persönlich auf eine Bescheinigung von Franz Beckenbauer rein gar nichts. Um es mal politisch korrekt und unemotional auszudrücken: Franz Beckenbauer in allen Ehren, aber Beckenbauer ist ein Diplomat, dessen Worthülsen und Bescheinigungen nur den Zweck haben, seine eigene Position oder die seiner Gefährten zu stützen.

      Drittens haben die Matthäus’schen Weibergeschichten sehr wohl auch etwas mit der Qualität als Trainer zu tun. Nicht mit der fachlichen, aber darüber hinaus. Ein Trainer muss bei der Mannschaft akzeptiert sein. Er muss Leitbild sein. Er muss die Mannschaft führen. Sind wir ehrlich: Über einen Lothar Matthäus würden sich die Spieler doch hinter seinem Rücken kaputtlachen. Er hätte niemals die Akzeptanz, die ein Trainer bräuchte. Und somit auch nicht Möglichkeit seine – möglicherweise auch vorhandene – Kompetenz als Trainer umzusetzen.

      Lothar Matthäus ist in Deutschland für alle Zeiten verbrannt. Das hat er sich selbst zuzuschreiben. Er hat sich seine Chancen mehr als oft genug in der Öffentlichkeit verbaut – dann sollte lieber einem aufstrebenden Jungtrainer die Chance gegeben werden, der nicht davon zehrt Rekordnationalspieler zu sein und sich seinen Ruf mühsam aufbauen muss.

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