Relegation 2013: Unser Championsleague-Finale

Sonntagmorgen und ganz Deutschland ist noch elektrisiert vom CL-Finale im Wembley Stadion. Wie soll ich an dieser Stelle erklären, dass ich es nur mit halbem Auge und mit Tagträumen verbracht habe? Ich versuche es erst gar nicht. Das war nicht mein CL-Finale. Mein CL-Finale ist morgen. Nicht im Wembley-Stadion, sondern auf dem Betzenberg. Für dieses letzte Spiel bringt uns keine Sachlichkeit weiter, keine Objektivität und auch keine Rationalität. Drama, Pathos und Romantik sind angesagt:

Die Sonnenfinsternis

Morgen ist unser CL-Finale und es fühlt sich tatsächlich wie eines an. Vergleichbar mit der Sonnenfinsternis, die Anfang diesen Jahrtausends die Menschen für ein paar Tage in ihren Bann riss. So eine Sonnenfinsternis ist – ebenso wie ein Fußballspiel – ein Ereignis, bei dem viele verschiedene Faktoren zusammenpassen müssen. Es braucht diese seltene und besondere Konstellation.

Manchmal kann man auf dem Betzenberg schon im vorhinein erahnen, dass so ein Tag bevorstehen könnte. Diese besondere Konstellation, die große Momente und Spiele erzeugt. Die letzte Sonnenfinsternis – im übertragenen Sinne ­– fand in Kaiserslautern am 18.05.2008 statt. Das Datum bedarf keiner weiteren Erklärung.

Am 27.05.2013 wird wieder so eine Sonnenfinsternis in Kaiserslautern stattfinden. Dafür muss man kein Prophet sein, nur ein Gefühl für die Geschichte und Intimitäten des FCK haben: Flutlicht; ausverkauftes Haus;  ein mehr als verhasster Gegner;  ein Rückstand, der aufgeholt werden muss; Fritz-Walter Wetter; eine Einheit, die für das entscheidende Spiel alles vergangene vergisst und viele kleine weitere Faktoren, die für optimale Voraussetzungen sorgen.

Das Hinspiel hat schon einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben. Die Spieler haben  Feuer gefangen. In den Augen der Spieler bei den üblichen Interviews nach Spielende war keine Resignation, Enttäuschung oder Frust zu erkennen, sondern Optimismus, Siegesgewissheit und Glaube. Alle glauben noch dran. Dieser Glaube schießt zwar keine Tore, aber er ist die Grundvoraussetzung für Erfolg. Und zwar Immer.

Mein CL-Finale am Montag wird kein europäisches Highlight sein, sogleich es aufgrund des Gegners zumindest von nationaler Bedeutung ist. Die Schlagzeilen werden wohl ein paar Stunden die Gazetten bestimmen und für die meisten Nicht-Infizierten wird es gleich wieder vergessen sein. Nicht wenige werden es als komplett bedeutungslos erachten.  Doch für mich ist es wie Weihnachten, Ostern und Sylvester zusammen. Rational sowieso nicht zu erklären, aber am Montag werden da 50.000 andere sein, denen es genauso geht. Wie der Ring auf Frodo wirkt diese Eintrittskarte, die schon sehnsüchtig darauf wartet, zum Betzenberg gefahren zu werden.

Dazu diese Tagträume, die einen schon Tage vorher seine Umwelt vergessen lassen. Alles spielt sich vor dem inneren Auge ab. Innerlich bin ich schon jede einzelne Treppe hoch zum Fritz Walter Stadion aufgestiegen, habe jedes Lied innerlich geträllert, bin jede noch so mögliche Ergebniskonstellation und ihre Auswirkung durchgegangen. Vor meinem inneren Auge habe ich das Spiel schon mindestens 4×90 Minuten durchgespielt. Auf den Rängen, als Spieler selbst und aus allen möglichen anderen Perspektiven.

Zwei Versionen

Was den Spielverlauf betrifft, gibt es für mich genau zwei Versionen, wie das Spiel ablaufen kann: Entweder kommt es so, wie es rein rational zu erwarten ist: Hoffenheim setzt sich mit seiner vermeintlich stärkeren Spielanlage durch und wir bleiben Zweitligist.

Die zweite Version ist etwas weniger rational, aber durchaus realistisch, wenn man die Vergangenheit des FCK kennt. Es wäre bei weitem nicht das erste Mal, dass so ein Spiel im Fritz-Walter Stadion die Verhältnisse komplett umkehrt. Spiele werden zu 50% im Kopf entschieden. 50.000 Menschen auf den Rängen und elf Lauterer auf dem Platz werden Hoffenheim keine Luft zum Atmen lassen, keine Verschnaufpause gönnen, keinen cm Raum lassen.

Romantisches Gelaber mit übermäßigem Pathos? Vielleicht, aber die Realität zeigt, dass diese zweite Version möglich ist. Die folgenden Stimmen sind nur einige von vielen. Nicht nur um zu zeigen was in der Vergangenheit des Betzenbergs schon alles möglich WAR, sondern vor allem um daraus abzuleiten, was möglich IST:

“Wenn Deutsche so gedemütigt wurden, hält sie nichts mehr auf – die sind glatt in der Lage, uns zu überrennen. Ich weiß das. Ich war in Kaiserslautern. Damit bin ich genug bedient.”  (Josep Guardiola als Trainer des FC Barcelona)

Nirgends spürt man die Massen so massiv wie in Kaiserslautern.
(Joachim Weyland, ehemaliger FIFA-Schiedsrichter aus Oberhausen)

“Auf dem Betzenberg gab es ja schon lange keinen Bundesliga-Fußball mehr. Einige wussten wohl nicht, dass es hier andere Spiele gibt. Jetzt wissen sie es.”
(Fredi Bobic)

“Man müsste verbieten, dass der FCK auf seine Fan-Kurve spielen darf, besonders in der zweiten Hälfte, da geschieht immer irgendwas Besonderes – mit beiden Mannschaften…”
(Christian Eichner)

Das ist eben der Betzenberg. Du spielst gut, du führst und du denkst, du hast alles im Griff und plötzlich wirst du überrannt und verlierst. [Freddi Bobic)

“Die starken Schlussphasen auf dem Betzenberg sind sowieso programmatisch und in der Vereinssatzung verankert” (Sky-Kommentator Marcus Lindemann)

Wenn die Mannschaften der Bundesliga über Spiele gegen Kaiserslautern am Betzenberg berichten, klingt das immer so, als hätten sie gerade ein Sibirisches Straflager überstanden. (Sport-Bild)

“Auf dem Betzenberg erwartet uns die Hölle, ich fürchte um das Leben von Bodo Illgner!” (Erich Rutemöller 1990)

Es ist völlig realistisch, dass der Betze das Ding noch dreht. Fällt tatsächlich das 1:0 … sollte es wirklich so sein, dass Kaiserslautern mit 1:0 in Führung geht … dann könnte Hoffenheim einbrechen. Dann werden sie dem Druck nicht standhalten können. Das ist die Version, die nicht weniger wahrscheinlich ist als die Erste.

Aber auch dafür braucht es ein paar Faktoren, die stimmen müssen. Jeder Spieler muss die Leistung seines Lebens abrufen. Der ein oder andere Sonntagsschuss des Gegners muss gegen die Latte statt in den Winkel gehen, Sippel einige unhaltbare rausholen, Idrissou den entscheidenden cm nicht im Abseits stehen und netzen.

Und zu guter Letzt muss und wird sich der FCK an diesem 27. Mai auf das besinnen, was ihn ausmacht und was die Zeitschrift „Der Spiegel“ vor einigen Jahren mal treffend auf den Punkt gebracht hat:

Kaum ein deutscher Verein ist derart identitätsstiftend für eine Region wie der 1. FC Kaiserslautern. Dessen Stadion haben die Einwohner auf dem Betzenberg erbaut, es erinnert an eine Burg, die die Stadt beschützt und in die die Bürger flüchten können.
Ein bisschen ähnelt ein normaler Bundesligaspieltag tatsächlich einer Flucht. Dann steigen die Menschen aus der pfälzischen Provinz hinauf auf diese Burg, rücken zu einer regionalen Einheit zusammen, sie brüllen und toben – für diese 90 Minuten haben die Gäste aus den Metropolen Deutschlands wenig Grund zur Freude.
(Der Spiegel)

Die Konstellation stimmt. Die Sonnenfinsternis kann kommen.

Lautern allez!

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