Relegation 2013: Von Tränen des Stolzes und der Enttäuschung

Es gibt im Leben eine Menge großartiger Augenblicke. Das Problem dabei ist, dass diese Augenblicke vergehen und die Realität einkehrt. Hinter der nächsten Ecke lauert schon dieser grausame, unrasierte Kerl namens Alltag. In unserem Fall getarnt als personifizierte Zweitligazugehörigkeit. Zuhause in Aue, Karlsruhe und Bielefeld.

Aber heute ist noch nicht die Zeit für die Realität, denn gestern war ein Augenblick, der Bestand haben wird. Nicht nur morgen, sondern auch in ein paar Jahren. Das mag befremdlich wirken bei der Betrachtung des Endergebnisses. Nur wer vor Ort war, versteht, was gemeint ist. Worte können das nur begrenzt wiedergeben, aber ich versuche es trotzdem.

Der alte Mann auf dem Klo

Oft sind es die kleinen Wortfetzen, die einem in Erinnerung bleiben. So wie zur Halbzeitpause auf dem Klo. Voller Resignation trottete ich wie ferngesteuert hinunter. Auf dem Weg enttäuschte Gesichter, murmelnde Gespräche. Viele Wortfetzen hätte in Erinnerung bleiben können, doch am Ende war es nur der Satz eines alten Mannes: „Der alte Betze hätte schon längst 3:0 geführt“.

Auf dem Rückweg zum Platz kreisten mir die Worte im Kopf. Der alte Betze also. Ja, vielleicht hätte der „alte Betze“ 3:0 geführt, aber was auch immer für ihn der „alte Betze“ war: An diesem Abend stand der „Betze der Neuzeit“ dem Alten in Nichts nach. In wirklich nichts – bis auf das Geschehen auf dem Rasen.

Die zweite Halbzeit begann und wieder mal fackelte kurz das Feuer der Hoffnung:
Tor zum 1:1 – ein einziges wildes Geschrei wie im Rausch. Wenig später: Idrissou köpft das Tor zum 2:1 – grenzenloser Jubel. Blackout. Dann die Realität wenige Sekunden später: Das Tor wird nicht gegeben. Wut, Frust, Unverständnis.

Kurz darauf: Hoffenheim macht das Tor zum 1:2. Die folgenden Sekunden kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Irgendwas in mir hofft, dass es nicht wahr ist. Ich will es nicht realisieren. Die Sekunden nach dem Einschlag vergehen: 1,2,3,4,5. Ich gucke immer noch wie gebannt auf den Schiedsrichter, auf die Spielertraube, auf die Fankurve. Lass das Tor aus irgendeinem Grund nicht gelten. Lass irgendwas passieren… 6,7,8,9,10. Ich schau mich um. Es passiert nichts. Der Spielstand auf der Videowand wandelt sich zum 1:2. Ich rechne den Gesamtstand aus: Wir müssten 5:2 gewinnen. Ich schaue erneut auf die Videowand: 74. Minute.

Das war’s. Moment der Leere. Einige Sekunden vergehen: Die ganzen letzten Tage passieren Revue. Die Vorfreude, die unglaubliche Euphorie schon Tage vor dem Spiel. Alles zerplatzt wie eine Seifenblase. Ich sehe mich vor dem geistigen Auge im Gästeblock der Alm stehen, in Paderborn, vielleicht in Dresden, vielleicht in Düsseldorf. Wie ein Film zieht alles an mir vorbei, während der leere Blick immer noch über die Ränge wandert.

Ich schaue in die Gesichter der Leute. Bei ihnen passiert genau dasselbe. Noch ca. 20 Minuten bis zum Abpfiff. Es ist vorbei. Doch irgendwie wird mir und vielen anderen in diesem Moment wieder klar, was eigentlich jeder weiß: Das was den FCK besonders macht, ist unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Niemand denkt auch nur im entferntesten daran, das Stadion zu verlassen.

Die ersten Schals gehen hoch. Ich schließe mich an. Olé Rot Weiss erklingt und sollte nicht mehr enden. Nicht nach Spielende und auch weit darüber hinaus nicht. Ich halte den Schal immer noch hoch, obwohl meine Arme schon längst eingeschlafen sind und nur noch weh tun. Wie bescheuert muss man für so etwas eigentlich sein? Es ist mir egal. Ich schaue mich um: Menschen weinen, halten sich in den Armen, sind innerlich auf ihrer eigenen Gedankenreise nach Aue, nach Bielefeld, nach Karlsruhe.

Das Lied erklingt immer lauter und die Tränen der Enttäuschung und Trauer werden auf einmal zu Tränen des Stolzes und der Rührung. Momente, die für mich ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Die magischsten Momente, die ich je in einem Stadion erlebt habe. Dieses spontane und ergreifende Gefühl des Trotzes. Wie ein Bataillon von Soldaten, die einen gefallenen Kameraden salutierend ein letztes Lied am Grabe singen. Der FCK wurde gestern nicht begraben – im Gegenteil: Gestern ist er wieder auferstanden. Gestorben und begraben wurden höchstens die Hoffnungen der Erstklassigkeit für die kommende Saison. Nicht mehr und nicht weniger.

Zurück in der Gegenwart:

24 Stunden sind vergangen. Der gestrige Tag wirkt noch nach. Der Stolz ist immer noch stärker als die Enttäuschung. Aber auch dieses warme, wohlige Gefühl wird verschwinden. Und es muss auch verschwinden, um Platz zu machen für eine knallharte Aufarbeitung. Noch nicht heute, auch noch nicht morgen, aber schon bald muss genauer hingesehen werden, denn das was annähernd 50.000 Menschen erhobenen Hauptes gefeiert haben, war kein Freibrief für die geleistete Arbeit in dieser Saison. Es war kein Loblied auf den Trainer, auf die Mannschaft oder auf irgendetwas. Es war eine Geste, die in dem Moment einfach richtig, wichtig und gut war, aber nicht falsch verstanden werden darf.

In einigen Tagen müssen Sachen angesprochen werden. Dann muss aufgeräumt werden. Es müssen Konsequenzen gezogen werden – welcher Art auch immer.

Das was der alte Mann auf dem Klo mit „Der alte Betze hätte schon 3:0 geführt“ zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringen wollte, trägt nämlich viel Wahrheit in sich: Dieser Verein, dieses ganze drum herum hat viel mehr verdient. Es muss nicht die deutsche Meisterschaft sein, nicht die Championsleague und auch nicht der Europacup. Es muss aber möglich sein, einen konzeptionellen Fußball spielen zu lassen, der es uns ermöglicht noch mehr solcher Abende zu erleben.

Denn so unbezahlbar diese Momente in Zeiten der Niederlage sind und so sehr ich mich freue über jede SMS von vereinsfremden Anhängern, die voller Begeisterung, Anerkennung und Rührung die Unterstützung der Fans würdigen, ist der sportliche Erfolg doch am Ende des Tages die notwendige Bedingung. Vom sportlichen Erfolg waren wir in diesen Relegationsspielen aber meilenweit entfernt. Wir waren nicht auf Augenhöhe mit Hoffenheim. Wir waren bei weitem nicht konkurrenzfähig. Nicht ansatzweise, um ehrlich zu sein.

Dieser Verein, diese Gemeinschaft hat mehr verdient als die zweite Liga. Um da rauszukommen, braucht es mehr als momentan da ist. So reicht es ganz offensichtlich nicht. Das hat man in Hoffenheim gesehen, das hat man gestern auf dem Platz gesehen und das hat man vor allem in vielen Spielen der regulären Saison gesehen.

Wie unschlagbar wäre es, wenn der sportliche Erfolg nur ansatzweise an dem Potential des Vereins anknüpfen könnte? Das sind fromme Wünsche und Ziele, aber sie sind zu erreichen. Allerdings nur dann, wenn man sich nicht mit dem Status Quo zufrieden gibt.

Die Aussagen des Trainers zeichnen ein anderes Bild als ich und viele andere es wahrnehmen. Das ist für mich erschreckend. Aber Wahrnehmung ist Realität. Doch wer das tatsächlich so wahrnimmt und sich mit dem Gegner auf Augenhöhe sah, wird niemals in der ersten Bundesliga ankommen. Wenn wir uns damit zufrieden geben, dann werden wir auch die nächsten Jahre nicht aufsteigen. Zufriedenheit ist Stagnation.

Doch intensiver will ich daran noch nicht denken. Noch nicht heute. Ich summe innerlich immer noch „Olé Rot Weiss“. Morgens unter der Dusche, auf der Fahrt zur Arbeit und in jeder ruhigen Minute des Tages. Ich habe noch keine Lust aufzuwachen und die Realität zu sehen. Bald wird uns der grausame, unrasierte Kerl namens Alltag heimsuchen, aber noch nicht heute.

Bildquelle: der-betze-brennt.de

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