Lieber Fußball, …

Lieber Fußball,

ich kann es nicht mehr sehen. Jeden Spieltag zeigst du mir dieselben Bilder: Nicht gegebene und unberechtigte Elfmeter, falsche Platzverweise, Phantomtore, Handtore, versteckte Tätlichkeiten.

Sei ehrlich, du stehst ein bisschen darauf, oder? Wie schön lässt sich stundenlang über jede deiner Fehlentscheidungen diskutieren. Deine Spieler springen wie wild gewordene Affen um den Schiedsrichter herum. Deine Trainer zappeln mit hochrotem Kopf an der Seitenlinie. Die Medien haben Stoff, um ihre Seiten zu füllen.

Du bist einfach einer von der alten Sorte, oder? Statt die vorhandenen 20 Kameras inkl. Superzeitlupen zu nutzen, vertraust du dich 6 menschlichen Augen auf einem knapp über 7000 qm² großen Spielfeld an. Mutig, mein lieber Fußball. Aber auch ein wenig blöd, oder?

Dein Bruder, der American Football, macht das ja etwas anders.

Dort überwachen 7 Schiedsrichter ein knapp über 5000 qm² großes Spielfeld. Jede Entscheidung kann zudem per Zuhilfenahme von Videomaterial kontrolliert und angefochten werden. Jede Entscheidung wird per Headset über das Stadion-Mikrofon bekanntgegeben. Ganz transparent.

Aber das ist alles nichts für dich, oder? Dieses ganze moderne und so. Pfui bah. Früher war ja alles besser, stimmts? Und außerdem hast du das ja immer schon so gemacht, dann wird das ja nicht falsch sein, richtig?

Du, lieber Fußball, möchtest ja bewahren, ursprünglich und simpel sein. Ein bisschen naiv und leichtgläubig ist deine Sichtweise ja schon. Deine Fehlentscheidungen auf dem Platz bewegen die Massen – oft mehr als das Spiel an sich. Deine Leute lieben und hassen es zugleich. Oft sagen sie: DAS gehört einfach dazu.

Was dieses „DAS“ ist?

Vielleicht das Ventil zum Frustabbau? Oder der masochistische Genuss, benachteiligt zu werden und mit rotem Kopf alles lauthals beklagen zu können? Die Verantwortung für Niederlagen so schön an Fehlentscheidungen zu hängen? Einen Sündenbock für einfach alles zu haben? Der ärmsten Sau unter dir: Dem Schiedsrichter.

Jedem deiner Spieler ist Tür und Tor für Betrug geöffnet. Schwalben und theatralisches Getue sind gern genutzte Hintertürchen in einem schlechten Kontrollsystem, das sich Spieler zu Nutze machen. Da sind deine bunten Fair-Play Aufnäher und Banner nicht mal den Stoff wert, aus dem sie genäht worden sind.

Fußball, ich weiß du hast Angst. Du und Deine Beteiligten – Spieler, Trainer, Fans, Verantwortliche, Medien. Die große Angst, dass Wahrheit und Fakten den Fehlentscheidungen weichen. Kameras liefern Wahrheit und Fakten.

Aber über Wahrheit lässt sich nicht stundenlang diskutieren und echauffieren, keine Headlines machen, stimmts?  Wahrheit bringt Verantwortung mit sich, der man sich stellen muss. Ohne faktische Wahrheiten lässt sich die Verantwortung für Niederlagen so wunderschön auf irgendwen anders schieben. Darauf möchtest du nicht verzichten, oder? Und es ginge ja auch das verloren, was du als „Emotionalität“ bezeichnest – was letztlich nichts anderes als der legitimierte Frustabbau auf einen Einzelnen ist. Am Ende des Tages war nicht man selbst oder die Mannschaft schlecht – nein, irgendwer anders ist Schuld. Und wenn es nicht der Schiri war, dann hat sich der ganze DFB dagegen verschworen. Fußball-Mafia DFB – hach, es ist so schön gemütlich in dieser Opferrolle, nicht wahr?

Lieber Fußball,

bitte wach auf. Steh auf, mach die Spinnweben um dich herum weg und geh’ ein paar Schritte mit der Zeit.

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