Der Schmetterlingseffekt

Kleine Dinge können den Verlauf der Geschichte verändern. In der Wissenschaft spricht man hierbei von dem sogenannten Schmetterlingseffekt (englisch butterfly effect). Ein Effekt, bei dem in komplexen, nichtlinearen dynamischen Systemen eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen besteht. Das bedeutet: Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen.

Weniger kompliziert ausgedrückt und auf unseren FCK übertragen: Was wäre gewesen, wenn es an diesem 27.05.2013 anders gekommen wäre? Im Rückspiel der Relegation. In dieser 68. Minute. Beim Stand von 1:1.

Eine Flanke kommt hinein, Mo Idrissou köpft, der Ball landet im Tor. Wenige Sekunden später die Ernüchterung: Abseits, das Tor zählt nicht. Einige Minuten später fällt das 1:2 für Hoffenheim. Es ertönt „Ole-Rot-Weiß“. Der Nichtaufstieg des FCK ist besiegelt.

Aber Stop. Drehen wir die Zeitmaschine wieder etwas zurück.

27.05.2013. Rückspiel der Relegation. Wir schreiben die 68. Minute. Es steht 1:1. Eine Flanke kommt hinein, Mo Idrissou köpft, der Ball landet im Tor. Der Blick wandert zum Linienrichter. Die Fahne bleibt unten. Das Tor zählt. Was danach passiert, ist Geschichte. Der FCK spielt sich in einen Rausch und erzielt bis zum Spielende noch weitere zwei Tore. Endstand: 4-1. Der FCK ist wieder erstklassig. Wer genau hinhört, vernimmt die leisen Abschiedsbekundungen der TSG-Fans. Mit Ole-Blau-Weiß verabschieden rund 20 verbliebene Fans ihre Mannschaft.

Der FCK ist zurück in der Bundesliga. Menschen liegen sich in den Armen, der FCK wird in ganz Fußballdeutschland gefeiert. Die nächsten Tage verbringen alle, die es mit dem FCK halten, in einem Vollrausch auf Dopamin. Doch schon bald kommt der Kater – der die auch zuvor schon vorhandenen Zweifel und Sorgen wieder freilegt.

Sind wir überhaupt erstligareif?

Unser Aufstiegstrainer Franco Foda erklärt sich selbst zum Jahrhunderttrainer, empfindet offenbar selbst keinen dieser Zweifel und Sorgen, die die Fans beim Gedanken an die nächste Saison mit sich tragen.

Willkommen in der Bundesliga: Wir schreiben den 10. Spieltag und stehen mit einem mageren Pünktchen und 3:18 Toren am Tabellenende der Bundesliga. Im ersten Spiel half uns noch der Schwung aus der Relegation. Ein Unentschieden zum Saisonbeginn, ab dann hagelte es nur noch Niederlagen. Da können wir noch so laut schreien, die Spieler laufen wie verängstigte Hasen über den grünen Rasen. Es scheint, als wollten 11 Einzelakteure zumindest ihre Haut retten. Keiner will den Ball, weil keiner weiß, was er damit anfangen soll.

Foda’s Kredit war spätestens nach der zweiten Niederlage aufgebraucht. Unser Weg ist vorgezeichnet: Der FCK wird gnadenlos aus der Liga geschossen, dafür muss man kein Prophet sein. Der Verein hat sich offenbar heute schon seinem Schicksal ergeben: Willkommen im biederen Kreis der Fahrstuhlvereine. Und eine Frage stellt sich:

Wären wir vielleicht doch besser nicht aufgestiegen?

Wäre doch dieses vermeintliche Abseitstor in der 68. Minute gegen Hoffenheim nicht gegeben worden. Idrissou stand mit dem Kopf im Abseits. Das war den Fernsehbildern eindeutig zu entnehmen. Der Linienrichter hat es anders gesehen. Die TSG Hoffenheim hadert heute noch mit der Entscheidung. Wir mittlerweile auch.

Wie gerne würde ich dieses kurzfristige Glücksgefühl dagegen eintauschen, eine Mannschaft zu sehen, die der ersten Liga gewachsen ist. Mit einem Trainer, der ihr gewachsen ist. Mit Konzept, mit Handschrift, mit Ideen. Die Zweifel und Sorgen waren berechtigt. Wir hätten niemals aufsteigen dürfen. Hätten wir lieber diesen Rückschritt gemacht, um vielleicht zwei nach vorne gehen zu können. Wäre das Tor doch einfach abgepfiffen worden. Das Glücksgefühl des Aufstiegs hat uns geblendet. Es würde nicht reichen – das war vielen klar. Spielerisch und taktisch zu limitiert, als das wir eine Chance hätten.

Der FCK ist am Ende

Die Fans sind es leid. 20.000 Zuschauer zu einem Bundesligaspiel. Wann hat es das zuletzt gegeben? Eintracht Braunschweig hat einen mageren Punkt mehr als wir und feiert ihre Mannschaft, als wenn sie jeden Gegner mit 6:0 vom Platz fegen würde. Wir sind Opfer unserer eigenen Erwartungen. Dabei erwarten wir doch gar nicht so viel. Nur einen Trainer und eine Mannschaft, mit der wir uns identifizieren können. Das tun wir nicht mehr. Der nächste Abstieg könnte dem FCK endgültig das Genick brechen.

Zurück in der Realität

Keine Esotherik, kein Voodoo-Zauber, kein Job bei Astro-TV – ich denke, ich bin mit der Meinung nicht alleine: Es ist genau richtig, so wie es gekommen ist. Vielleicht mussten wir einfach diesen Schritt zurückgehen, um zwei nach vorne zu machen.

Wer den FCK der Gegenwart sieht und erlebt, spürt diese 2 Schritte vorwärts. Das Team hat Zukunft. Noch ist es zu früh, den Tag vor dem Abend zu loben, aber dieses Team mit diesem Trainer ist aufstiegsfähig. Und fähig, sich in der ersten Liga zu halten. Und fähig, die Zuschauer zu begeistern. Und fähig, verlorengegangene Sympathien zurückzugewinnen. Aber vor allem fähig, um Kapitel in die FCK-Memoiren zu schreiben, die andere Überschriften als „Klatsche in Aalen“ oder „Blamage in Sandhausen“ tragen.

Viele haben es vor Monaten schon gedacht, nur wenige haben es auch ausgesprochen: Der FCK sollte besser nicht aufsteigen. Nicht mit diesem Trainer, nicht mit Franco Foda. In den Relegationsspielen gegen Hoffenheim ging es dann um etwas Höheres. Da war der Wunsch danach, dieses Projekt in die zweite Liga zu schießen stärker, als der Blick in die Realität. Die Realität, dass ein Aufstieg weder verdient, noch gut für den FCK gewesen wäre.

Alles ist gut, so wie es ist. Der FCK braucht die Täler, das war doch schon immer so. Dieses Tal – der verpasste Aufstieg im Relegationsrückspiel gegen Hoffenheim – war notwendig. Vielen Dank an das Schiedsrichterteam rund um Florian Meyer. Vielen Dank, dass Sie dieses Tor in der 68. Minuten nicht gegeben haben. Es hat einen notwendigen Prozess in Gang gesetzt, deren Ergebnis uns heute deutlich positiver in die Zukunft blicken lässt. Manchmal ist die bittere Pille langfristig die schmackhaftere. Dinge, die im ersten Moment als Katastrophe wirken, entpuppen sich auf Dauer als genau richtig. Nicht nur im Fußball, nicht nur beim FCK, aber vor allem da.

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Willkommen #coachKosta

Die Trainingsjacken müssen neu bedruckt werden, ein neuer Coach ist da: Kosta Runjaic. Kurz: KR. Nein, Stopp. Das mit dem “KR” lassen wir. Das Kürzel hatten wir schon. Die Erinnerungen an einen gewissen Kjetil Rekdal (KR) von vor 6 Jahren wollen nicht wieder zum Leben erweckt werden, genauso wie an die vielen anderen Trainer der letzten 15 Jahre. Nun haben wir wieder mal einen neuen, der zwar nicht einzigartig in seinem Kürzel ist, aber doch wohl augenscheinlich in seiner Art und vielleicht auch in seinem Können:

„Runjaic gilt als erstklassig vernetzt, als lebendes Fußball-Lexikon, arbeitete zuletzt als Experte beim Fernsehen. Er ist ein Trainer, der seine Mannschaft gerne die Aufgaben spielerisch lösen sieht. Er fiel schon in seinen frühen Jahren durch moderne, abwechslungsreiche Trainingsmethodik auf.“

Ein neuer Trainer ist naturgegeben immer der nächste Heilsbringer, aber bei Runjaic stehen die Vorzeichen auch so ganz gut. Es ist Optimismus und Aufbruchstimmung zu spüren, wie sie nach den Verpflichtungen von Kurz, Balakov und Foda und all seinen Vorgängern nicht zu spüren war. Das bringt uns zwar keinen Punkt mehr auf dem Konto, doch ist die Akzeptanz und Gunst der Anhänger schon mal keine schlechte Startbasis.

Runjaic? Ein relativ unbeschriebenes Blatt. Kein Name, bei dem spontane Autokorso gestartet werden. Man muss schon genauer hinsehen:

Der Typ ist ein Erfolgsmensch. Einer, der sich als Trainer hocharbeiten musste. Niemand, der die Boulevard-Schlagzeilen füllt, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Niemand, der von einer sehenswerten Profikarriere profitiert – und auch wenn er eine aufzuweisen hätte, würde er sie vermutlich nicht als Legimitation für einen Trainerjob in der Bundesliga verstehen – so wie es der ein oder andere Rekordnationalspieler (aber auch viele andere) doch tun.

Runjaic ist einer, der inhaltlich punktet: Als Experte, als Fachmann. Mit dem Drang zur stetigen Weiterentwicklung: Er hospitierte bei Arsene Wenger in London, unter Frank Rjikard beim FC Barcelona,  bei Fenerbahce Istanbul und Roter Stern Belgrad.

Doch bei aller Euphorie: Es stehen schwere Spiele an.

20.09.2013 Ligaspiel beim 1.FC Köln
25.09.2013 DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC
29.09.2013 Ligaspiel gegen den TSV 1860 München

Köln erwartet uns nach ihrem 4:0 in Cottbus mit breiter Brust. Und ebenfalls im Gepäck: Ein neuer Heilsbringer. Nicht auf der Trainerbank, aber im Sturmzentrum. Hertha BSC im Pokal unter der Woche – da gäbe es auch leichtere Gegner. 1860 München zuhause – auch kein Zuckerschlecken.

Die Wochen der Entscheidung?

Nein, das sind sie nicht. Ehrlich nicht. Erfahrungsgemäß lassen sich auch relativ große Rückstände durch eine gute Ergebnisphase egalisieren. Nach dem 10. Spieltag ist noch niemand ab- oder aufgestiegen. Schreckliche Phrase, aber sie ist wahr. Die zahlreichen Beispiele sind bekannt und erspare ich uns an dieser Stelle.

Ich möchte bis zur Winterpause eine erste Linie erkennen können, erste sichtbare Unterschiede in der Ausrichtung. Für mehr benötigt es wohl eine gezielte und konzentrierte Vorbereitung – wozu im Winter genug Zeit wäre.

Von daher: Bis zur Winterpause Anschluss an die Aufstiegsplätze halten und dann durchstarten. Das ist mein Wunschszenario. Träumen darf man ja. Und damit das ganze ein bisschen Würze bekommt: Falls wir mit #coachKosta nicht aufsteigen sollten, fahre ich mit dem Fahrrad zum ersten Auswärtsspiel der neuen Saison. Wird aber nicht so kommen. Bin ich mir sicher.